Eine starke Verteidigungsfähigkeit bedeutet mehr als „mehr Waffen“ – sie muss umfassender gedacht werden. Auf dem Roundtable der FoKS-Fellows diskutierten Expertinnen und Experten aus Technik, Psychologie und Politikwissenschaft die aktuellen verteidigungspolitischen Herausforderungen aus interdisziplinärer Perspektive.

Oliver Hidalgo, Frank Sauer, Axel Schulte
Axel Schule, Inga Schalinski, Bernhard Stahl

Im Rahmen der Fellow Assembly 2026 veranstaltete die Bayerische Wissenschaftsallianz für Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsforschung (FoKS) einen Roundtable zum Thema „Verteidigung im Umbruch: Perspektiven der FoKS-Cluster auf die politischen Herausforderungen von heute“. Diskutiert wurde, welche Konsequenzen die veränderte sicherheitspolitische Lage für Staat, Gesellschaft und Wissenschaft hat und wie sich diese auf die Arbeit der Wissenschaftsallianz auswirken.

Die Diskussion wurde von Prof. Dr. Bernhard Stahl (Universität Passau) moderiert. Teilnehmende waren Prof. Dr. Inga Schalinski, Prof. Dr. Axel Schulte, PD Dr. Frank Sauer (alle Universität der Bundeswehr München) und Prof. Dr. Oliver Hidalgo (Universität Passau).

 

PD Dr. Frank Sauer eröffnete den Roundtable mit dem Hinweis, dass sich Deutschland aus seiner Sicht in der prekärsten sicherheitspolitischen Lage seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs befinde. Daraus ergebe sich die dringende Notwendigkeit, gesellschaftliche Resilienz zu stärken. Resilienz ist ein vielschichtiger Begriff, der sowohl Verteidigungs- als auch Anpassungsfähigkeit umfasst. Die Herstellung dieser Verteidigungsfähigkeit sei jedoch keine rein staatliche Aufgabe, sondern erfordere die aktive Mitwirkung der gesamten Gesellschaft, so Sauer.

An diesen Punkt anknüpfend beleuchteten die Fellows unterschiedliche Dimensionen des Resilienzbegriffs. Prof. Dr. Inga Schalinski brachte ihre fachliche Expertise als Lehrstuhlinhaberin für klinische Psychologie und Traumatherapie ein und betonte, dass auch die mentale Verteidigungsfähigkeit eine zentrale Rolle spiele. Gemeint sei damit vor allem die Fähigkeit, mit Krisen- und Belastungssituationen umzugehen. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür sei die Möglichkeit, eigene Erfahrungen artikulieren und reflektieren zu können, um langfristig psychologisch resilient zu bleiben.

 

Prof. Dr. Axel Schulte ergänzte diese Perspektive um den Aspekt der technologischen Anpassungs- und Verteidigungsfähigkeit. Als Professor für Flugmechanik und Flugführung verwies er auf die langen Innovations- und Beschaffungszyklen technischer Systeme, die derzeit teilweise bei rund sieben Jahren lägen. Angesichts der dynamischen sicherheitspolitischen und technologischen Entwicklungen seien solche Zeiträume kaum noch mit den aktuellen Anforderungen vereinbar. Eine zeitgemäße Verteidigungsbereitschaft müsse daher auch strukturelle Reformen einschließen.

 

Eine übergreifende Einordnung nahm Prof. Dr. Michael Reder (Hochschule für Philosophie München) vor. Er betonte die besondere Stärke von FoKS in der systematischen Verbindung interdisziplinärer Perspektiven. Gerade im sicherheitspolitischen Kontext sei es entscheidend, nicht nur Bedrohungen von außen, sondern auch Herausforderungen aus dem Inneren der Gesellschaft wissenschaftlich zu erfassen.

 

Vor diesem Hintergrund rückte die Diskussion zunehmend Fragen der demokratischen Debattenkultur in den Fokus. Angesichts wachsender Polarisierung betonten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Bedeutung individueller Urteilskraft als zentrale demokratische Schlüsselkompetenz. Prof. Dr. Axel Schulte verwies darauf, dass demokratische Resilienz nicht nur die Fähigkeit zur Artikulation eigener Positionen voraussetze, sondern ebenso die Bereitschaft zum Zuhören und zur Anerkennung pluraler Perspektiven. PD Dr. Frank Sauer schloss sich dem an und unterstrich, dass Pluralismus, Streit und Werte keine Schwächen, sondern Stärken demokratischer Gesellschaften seien. Autoritäre Systeme wirkten häufig stabil – bis zu dem Moment, in dem sie abrupt kollabieren.

 

Dabei betonte Oliver Hidalgo in seiner Funktion als Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie, dass die Verteidigungsfähigkeit eines politischen Systems maßgeblich davon abhänge, in welchem Ausmaß die Menschen bereit seien, dieses System zu verteidigen. Entscheidend sei daher, die Vorteile demokratischer Ordnungen sichtbar zu machen und zu vermitteln, warum es sich lohnt, sich für sie einzusetzen. Nur auf dieser Grundlage könne gesellschaftliche Resilienz nachhaltig entstehen. Dies erachtete Prof. Hidalgo als eine mögliche Aufgabe, bei der die FoKS mitwirken kann.

Interdisziplinäre Forschungsprojekte, wie sie im Rahmen von FoKS angestoßen werden, sollten dabei nicht bei der Analyse stehen bleiben, sondern auf die Entwicklung konkreter Lösungsansätze zielen. Inhaltlich lassen sich drei zentrale Aufgabenfelder identifizieren:

 

  • Innenpolitik: Erstens der Blick nach innen auf das politische System, insbesondere auf demokratische Resilienz, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Fähigkeit zur konstruktiven Konfliktbearbeitung.
  • Außenpolitik: Zweitens die Analyse der sicherheitspolitischen Lage nach außen, einschließlich veränderter Bedrohungsszenarien, technologischer Dynamiken und internationaler Machtverschiebungen.
  • Transfer: Drittens der gezielte Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in gesellschaftliche und politische Kontexte, um öffentliche Debatten zu versachlichen und politische Entscheidungsprozesse informierter zu begleiten.